22.05.2020 – Wir starten eine neue Reihe: den Community-Friday und informieren euch ab sofort jeden Freitag zu einem wichtigen Thema, das uns als Pflegende betrifft. Heute beginnen wir mit einem grundlegenden und doch sehr komplexen Thema: dem Deutschen Gesundheitssystem.


Mehrere Grundprinzipien müssen beachtet werden

Das gesamte System der Gesundheitsversorgung basiert in Deutschland auf
vier grundlegenden Prinzipien.

PrinzipBedeutung
VersicherungspflichtDie grundsätzliche Verpflichtung aller Bürger, sich bei einer gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu versichern
BeitragsfinanzierungDie Finanzierung des Gesundheitswesens erfolgt primär durch die Beiträge der Versicherten, nicht durch die Marktwirtschaft oder Steuereinnahmen
SolidaritätsprinzipAlle Bürger tragen gemeinsame Sorge für einen Dienstausfall, jeder gesetzlich Versicherte hat den gleichen Versorgungsanspruch
SelbstverwaltungsprinzipNeben den staatlich benannten Rahmenbedingungen verwaltet sich das Gesundheitssystem größtenteils selbständig (Gemeinsamer Bundesausschuss, G-BA)
Quelle: [1]



Die Gesundheitsversorgung bezieht sich allerdings nicht nur auf den Akut-Moment im Krankenhaus, sondern erstreckt sich über viele weitere Bereiche wie die Langzeitversorgung chronisch Erkrankter, Alter und Behinderter, die präventive und prophylaktische Arbeit, die Aufklärung, Edukation und Schulung, die Rente/Pension und viele mehr.

Die 5 Säulen der Sozialversicherung

Deshalb kann das Gesundheitssystem nicht allein durch eine gesetzliche Krankenversicherung finanziert werden, es braucht andere Wege. Durch die 5 Säulen der Sozialversicherung werden weitere Bereiche abgedeckt. Bereits Ende des 19. Jhds. wurden erste Versicherung von Bismarck eingeführt, die ALV in der Weimarer Republik und die PV erst vor 25 Jahren.

Krankenversicherung – GKV (1883)
Unfallversicherung – GUV (1884)
Deutsche Rentenversicherung – DRV (1889)
Arbeitslosenversicherung – ALV (1927)
Pflegeversicherung – PV (1995)
Quelle: [2]



Exkurs: Private Krankenversicherung
Die PKV bekommt keine Mittel oder Zuschüsse aus dem Gesundheitsfonds des Bundes.
Die Beitragshöhe der einzelnen Mitglieder bemisst sich bei den PKV am Alter der Mitglieder, dem Gesundheitszustand und dem gewünschten Leistungsumfang. Rund 11 % der Deutschen sind privat versichert.


Drei Ebenen – drei Richtungen

Des Weiteren wird die Politik für Gesundheit und Pflege auf drei verschiedenen Ebenen angesiedelt – Europa, Bund und Länder. Die Zuständigkeiten zu kennen hilft dabei enorm weiter, die richtigen Ansprechpartner zu kennen.

Die Aufgaben der EU

Die Europäische Union regelt klar, dass die Gesundheitsversorgung sowie deren Organisation und Finanzierung eine Angelegenheit der einzelnen Nationalstaaten ist [4]. Wenn es um Themen geht, die allein durch nationale Gesetzgebung nicht geregelt werden können, kommt die Europäische Union ins Spiel. Diese gibt dann klare Regeln vor, z.B. bei Arzneimitteltransporten, -herstellung und -zulassung oder auch bei Medizinprodukten. Des Weiteren bestimmt die EU Standards für den Infektions-, Arbeits- und Verbraucherschutz.

Die Aufgaben des Bundes

Der Bund verwaltet und organisiert die Sozialversicherungen und hat die Kompetenz zur Gesetzgebung. Der Bund setzt verschiedene Institutionen ein, welche die Aufgaben übernehmen. Dazu zählen unter anderem das RKI, das BfArM, das DIMDI, das BVA, das PEI, der G-BA oder auch die BZgA. All diese Einrichtungen werden von einer zentralen Steuereinheit kontrolliert und sind dieser unterstellt: dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG).

Die Haupt-Instanz:
Das Bundesministerium für Gesundheit
Allein der Aufbau des Bundesministeriums, hier im Ausschnitt, deutet schon auf sehr vielseitige Aufgaben und Bereiche hin.

Auch dem obersten Organ des Deutschen Gesundheitssystem, dem BMG, kommen verschiedene Aufgaben zu. Die zentralen Handlungsfelder sind v.a.:

  • die Erarbeitung von Gesetzesentwürfen, Rechtsverordnungen, Verwaltungsvorschriften
  • Weiterentwicklung der Qualität des Gesundheitssystems
  • Gesundheitsschutz
  • Arzneimittelbetreuung und -überwachung
  • Stärkung der Kranken- und Pflegeversicherung
  • Beratung, Betreuung und Steuerung von Patienten, Gesundheitsberufen und Einrichtungen im Gesundheitswesen
  • Aufklärung, Prävention

Der detaillierte Aufbau des BMG mit all seinen Ressorts und verantwortlichen Mitarbeiten ist über folgenden Link zu finden:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/O/Organisationsplan/200301_Organisationsplan.pdf

Folgende Grafik stellt die wichtigsten Einrichtungen im Deutschen Gesundheitssystem in Verbindung mit dem BMG:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Ministerium/Plakat_Schaubild_Das_Gesundheitssystem.pdf

Die Aufgaben der Bundesländer

Auf Ebene der einzelnen Länder wird es dann deutlich konkreter. Im Gegensatz zur Gesetzgebung auf Bundesebene erarbeiten die Länder konkrete Konzepte, um die Gesetze und Verordnungen auszuführen. Die Länder haben die Aufsicht über die Heilberufekammern, die kommunalen Gesundheitsämter und müssen ebenfalls eine bedarfsgerechte Krankenhaus- und Langzeitversorgung sicherstellen.

Um voneinander zu lernen und sich austauschen zu können, gibt es die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) auf Bundesebene, die einmal jährlich stattfindet. Hier werden zudem über gemeinsames, weiteres Vorgehen gesprochen und Aufträge vom Bundesgesundheitsminister entgegen genommen und diesem verschiedene Anliegen vorgebracht.

Fazit

Vier Grundprinzipien bestimmen das Deutsche Gesundheitssystem:
1) Versicherungspflicht; 2) Solidaritätsprinzip; 3) Beitragsfinanzierung; 4) Selbstverwaltungsprinzip.
Es gibt fünf verschiedene Sozialversicherungen (Renten, Kranken, Unfall, Arbeitslosen, Pflege), die das Deutsche Gesundheitssystem nach dem Prinzip der Beitragsfinanzierung stützen.
Gesundheitspolitik kann auf drei Ebenen (Europa, Bund, Länder) ausgetragen werden. Europa ist dabei für internationale Interessen (z.B. Arzneimittel, Medizinprodukte, Prävention von Krankheiten) zuständig. Der Bund fungiert als Gesetzgeber und nationaler Koordinator, die Länder können als Exekutive angesehen werden und führen die Verordnungen und Gesetze aus und kontrollieren durch die Gesundheitsämter die Umsetzung.

Was bleibt offen?

Durch den Einsatz so vieler, verschiedener Einrichtungen wird je nach Blickwinkel eine sehr individuelle oder auch sehr langsame Arbeitskultur geschaffen. Welchen Benefit eine Umstrukturierung des Gesundheitssystems hätte, kann nur erahnt werden.

Auch bleibt offen, inwiefern aktiver Lobbyismus stattfinden und an welchen Punkten die politische Vertretung der Pflege ansetzen kann. Dazu folgt in den nächsten Wochen ein umfassender Beitrag.

Und nicht zuletzt gilt es auch immer die Lücken in einem solchen System zu füllen. Warum fallen manche Personen durch das Raster? Und wie können diese aufgefangen werden?

Wagt man den Blick ins Ausland, kann man doch sehr sicher sagen, dass wir in Deutschland ein gut funktionierendes und alle absicherndes System haben. Luft nach oben ist immer, aber wir haben Glück, dass der Bedeutung der Gesundheit in Deutschland ein derart hoher Stellenwert zugeschrieben wird. Was denkt ihr zu diesem System? Fluch oder Segen? Ausbaufähig oder voll funktionsfähig? Schreibt es gerne in die Kommentare!

Quellen:
[1] https://www.medtronic.com/de-de/gesundheitsversorgung-wandel/wertorientierung/deutsches-gesundheitssystem.html, Zugriff am 17.05.2020, 13:30 Uhr
[2] https://www.gesundheitsinformation.de/das-deutsche-gesundheitssystem.2698.de.html?part=einleitung-co, Zugriff am 17.05.2020, 13:50 Uhr
[3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/aufgaben-und-organisation/organisationsplan-organigramm.html, Zugriff am 17.05.2020, 14:10 Uhr
[4] https://www.aok-bv.de/lexikon/g/index_00365.html, Zugriff am 19.05.2020, 09:30 Uhr
[5] https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2018-0708/titel-gesundheitspolitik.html, Zugriff am 19.05.2020, 09:35 Uhr
[6] https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2018-0708/titel-interview.html, Zugriff am 19.05.2020, 09:40 Uhr


Fritz Sterr

Vorstandsmitglied in der Initiative für akademisierte Pflege e.V.

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