31.07.2020 – Der heutige Beitrag behandelt das Thema Pflegekammer. Was das überhaupt ist, welchen Sinn eine solche Einrichtung haben kann und welche Gegenargumente es gibt, soll im Folgenden ausgearbeitet werden.




Was genau ist eigentlich eine Pflegekammer?

Eine Pflegekammer ist vor dem Gesetz eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Diese Einrichtungen kann es auf Landes- oder auf Bundesebene geben, das jeweilige Gesundheitsministerium hat demnach die Rechtsaufsicht.
Oberstes Ziel ist es, die Selbstverwaltung der Profession Pflege zu beanspruchen und durchzuführen sowie die Pflege berufspolitisch zu vertreten. In ihr sind alle Pflegenden des jeweiligen Landes vereint.


Die wichtigsten Eckpunkte

Die Pflegekammer ist in einem eigenen Heilberufe-Gesetz (HeilBG), in Ausnahmefällen in einem eigenen Kammergesetz (PflegeKG -> Niedersachsen), verankert.
Sie basiert auf der Vertretung ihrer Mitglieder. Alle Berufsangehörigen eines Landes sind zur Mitgliedschaft verpflichtet. Diese sind alle wahlberechtigt und können im Turnus von 5 Jahren einen neuen Vorstand wählen.
Jedes Mitglied muss einen prozentualen Anteil des Bruttolohns (i.d.R. 0,4 – 1 %) als monatlichen Beitrag entrichten.

Die Pflegekammer übernimmt verschiedene Aufgaben. Dazu gehören die:

  • Funktion als zentrale Organisation für die Selbstverwaltung des Berufsstandes
  • Vertretung der Pflege und seiner Bedürfnisse vor der Politik
  • Mitsprache in verschiedenen Gremien und Ausschüssen
  • Qualitätskontrolle und -sicherung der erbrachten Pflege
  • Ausarbeitung und Gestaltung einer eigenen Berufsordnung (BO) für die Pflege sowie die
  • Ausarbeitung und Gestaltung von Fort- und Weiterbildungen (z.B. Intensiv- und Anästhesie, OP, Wunden u.v.m.)

Dieses Video des DBfK zeigt die Vorteile einer Pflegekammer deutlich auf.

Ein anschauliches Erklärvideo des DBfK zum Thema Pflegekammer


Aktueller Status in Deutschland

Derzeit gibt es drei aktive Landespflegekammern, nämlich in Rheinland Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Zwei weitere werden derzeit Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen aufgebaut. Und auch eine Bundespflegekammer wurde initiiert und ist mit Unterstützung der drei aktiven Pflegekammern und des Deutschen Pflegerats im Aufbau. Weitere Information gibt es dazu über den nachfolgenden Link.


Ein internationaler Vergleich

Wagt man den Blick ins Ausland, wird man in punkto Pflegekammern schnell fündig. So wurden bereits 1903 die ersten Pflegekammern in den USA in North Carolina und New York gegründet. 1978 entstand dann das NCSBN, die Bundespflegekammer von Amerika.
In England hat man 2019 ebenfalls bereits 100 Jahre Bestehen des dortigen Nursing and Midwifery Council feiern können.
Und auch in vielen weiteren Ländern wie Schweden, Neuseeland, Indien oder Kenia gibt es Pflegekammern.


Pflegekammern im Diskurs

Nicht erst seit gestern gibt es ausreichend Kritik an der Etablierung von Pflegekammern in Deutschland. Bereits seit den 1970er Jahren setzen sich Pflegende für die Errichtung einer Kammer in Deutschland ein, und seitdem gibt es auch Beanstandungen.
Häufiger Kritikpunkt sind hierbei die v.a. für Teilzeitarbeitende, Alleinerziehende und allgemein sozial Schwächere nicht unerheblichen Mitgliedsbeiträge. Ein weiteres Problem stellt der hohe bürokratische Aufwand einer Pflegekammer dar. Nicht zuletzt werden auch die Möglichkeiten zu Handeln und zu Intervenieren vor der Politik immer wieder in Frage gestellt. Pflegende in der direkten Versorgung verlangen derzeit vor allem nach angemessener Entlohnung, akzeptablen Rahmen- und Arbeitsbedingungen und insgesamt nach mehr Personal. Diesen Bedürfnissen kann eine Kammer, so die Kritiker, nur teilweise oder überhaupt nicht nachkommen.


Fazit

Die Pflegekammer ist ein fundamental wichtiges Instrument, das der Pflege langfristig gesehen umfassende Möglichkeiten bietet und die Profession Pflege weiterbringen kann und wird. Wie bei jeder Einrichtung benötigt die Etablierung Zeit, um sich zu strukturieren und die richtigen Hebel in Gang setzen. So auch bei einer Kammer.
Jedoch gibt es erhebliche akute, drängende, kurzfristige Probleme, die derzeit in der direkten Versorgung vorherrschen und die einer zeitnahen Intervention bedürfen. In 13 von 16 Bundesländern gibt es noch immer keine Pflegekammer. Und auch die bereits bestehenden Kammern sind noch nicht lange aktiv (RLP 2016, SH und NDS 2018). In Deutschland sind also v.a. die Gesundheitsministerien auf Landesebene sowie das BMG, die GKV und die Krankenhausgesellschaften gefragt, um die Zustände zu verbessern. Ein weiterer Schritt muss es dann sein, als Pflegende ausreichenden Einfluss in den wichtigen Gremien zu bekommen, wie etwa dem G-BA.

Was denkt ihr zu diesem Thema? Seid ihr pro oder contra? Und welche Argumente zählen für euch vor allem? Schreibt es uns gerne in die Kommentare!


Referenzliteratur

[1] Interview mit Prof. Dr. Edith Kellnhaus: https://www.bibliomed-pflege.de/news/29457-die-historie-der-anderen-sollte-uns-mut-machen
[2] Pflegekammern – Argumentation des DBfK: https://www.dbfk.de/de/themen/Pflegekammer.php
[3] Dissertation von Antje Schwinger zur Etablierung von Pflegekammern in Deutschland: https://d-nb.info/1125583991/34
[4] Positionspapier der Initiative für akademisierte Pflege e.V.:


Fritz Sterr

Vorstandsmitglied in der Initiative für akademisierte Pflege e.V.

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