„Die Nachbesprechung von ZM wird in mehreren Untersuchungen als eine mögliche effektive Intervention bezeichnet, die auch in Kombination mit anderen Maßnahmen Zwang reduzieren kann.“ (WULLSCHLEGER et al, 2019)

Zwangsmaßnahmen stellen Mitarbeitende der Psychiatrie immer wieder vor ethische und moralische Dilemmata. Als Zwangsmaßnahmen werden in der Psychiatrie Festhaltetechniken, die geschlossene Isolierung in speziell und reizarm gestalteten Räumen, die Fixierung, Zwangsmedikation oder andere, seltener angewendete Behandlungen wie die Durchführung der Körperhygiene unter Zwang, Zwangsernährung oder die Blutentnahme gegen den mutmaßlichen Willen eines Patienten bezeichnet. Der Einsatz von Zwangsmaßnahmen ist im Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz auf Landesebene geregelt. Die Autoren nehmen hier insbesondere Bezug auf die baden-würrtembergische Abfassung. Die Durchführung von Zwangsmaßnahmen stellt einen erheblichen Einschnitt in die Grund- und Menschenrechte der Patienten dar und darf nur aus medizinisch indizierten Gründen und bei unwirksamen, im Vorfeld durchgeführter Deeskalationsmaßnahmen stattfinden (insbesondere wenn erhebliche Gefahren für den Gesundheitszustand des Patienten oder der von anderen Beteiligten bestehen). (ZfP Südwürrtemberg, 2011)

Zwang soll so weit wie möglich präventiv verhindert oder zumindest reduziert werden. Als Gewaltprävention steht dabei die Patientenorientierung im Vordergrund. Diese kann sich in Form eines partnerschaftlichen Kommunikationsstils, Behandlungsvereinbarungen, die Einbeziehung von Angehörigen und der niederschwelligen Erreichbarkeit sein. Auch ansprechende Räumlichkeiten mit ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten können eine Rolle spielen. Des Weiteren kann eine psychopharmakologische Behandlung gewaltpräventiv wirken. (Steinert et al. 2019) Dennoch können Zwangsmaßnahmen in einigen Situationen nicht verhindert werden. Dies kann für die betroffenen Patienten belastende Folgen haben. So beschreiben mehr als die Hälfte aller Betroffenen ihre Emotionen während der Zwangsmaßnahme mit Wut (57,5%), Ärger (60%)  und Verzweiflung (55%). (Amgart et al. 2013)

Menschen mit psychischen Erkrankungen sind häufig bereits traumatisiert. Durch die Zwangsmaßnahme haben viele Betroffene Gefühle wie Hilflosigkeit, Schutzlosigkeit, Ausgeliefert sein, Angst und das Gefühl sich nicht wehren zu können. Diese Emotionen sind typisch für ein traumatisches Erlebnis. (Amgart et al. 2013). Somit können Zwangsmaßnahmen erhebliche psychische Folgen haben und die Beziehung zu Pflegenden und Behandelnden sowie die weitere psychiatrische Behandlung negativ beeinflussen. (Steinert et al. 2019). Außerdem zeigt sich, dass Patienten, die mehr Zwang erleben mit der Behandlung unzufrieden sind, und somit höhere Raten an Wiederaufnahmen gegen ihren Willen erleben. (Wullschleger et al. 2019) 

In unterschiedlichen Studien wurde daher die Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen untersucht. Daraus ergab sich, dass die Nachbesprechung eine mögliche effektive Intervention sein kann, die in Kombination mit anderen Maßnahmen Zwang verhindern kann. Die Nachbesprechung wird von Fachverbänden und Experten empfohlen. (Wullschleger et al. 2019) Die Nachbesprechung soll dazu dienen, allen Beteiligten Raum zu geben, über die erlebte Maßnahme zu sprechen und einen Austausch fördern. Beide Parteien sollen die Möglichkeit finden zu äußern wie sie die Zwangsmaßnahme erlebt haben und was diese in ihnen ausgelöst hat. Patienten sollen die Möglichkeit haben zu reflektieren, was ihrer Meinung nach zur Eskalation geführt hat und Mitarbeiter sollen die Möglichkeit finden sich zu äußern und Transparenz zu schaffen, weshalb sie sich für die Maßnahme entschieden haben. Dabei ist das Ziel, dass alle Beteiligten ihren Standpunkt äußern können und sich mit ihren Gefühlen ernstgenommen fühlen. Außerdem soll abgeleitet werden, wie in Zukunft mit entsprechenden Situationen umgegangen werden kann und was zur Deeskalation beitragen könnte. Ableitungen bzw. Handlungsanweisungen können z.B. in Form von Krisenplänen oder einer patientenspezifischen Behandlungsvereinbarung schriftlich festgehalten und von allen Parteien unterzeichnet werden.  

Der Gesetzgeber in Baden-Würrtemberg sieht eine Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen (im Gesetzestext besondere Sicherungsmaßnahmen genannt) bei nach PsychKHG untergebrachten Patienten sogar als verpflichtend an. So heißt es im Originaltext „Nach Beendigung besonderer Sicherungsmaßnahmen nach Absatz 2 Nummern 3 bis 5 ist, sobald es der Zustand der untergebrachten Person zulässt, eine Nachbesprechung durchzuführen.“ (PsychKHG, § 25). 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen eine effektive Methode darstellen kann, um posttraumatische Belastungen zu verhindern und in Kombination mit anderen Maßnahmen Zwang reduzieren kann. 

Literaturverzeichnis

Amgart, Carina; Schaub, Markus; Hoffmann, Knut; Illes, Franciska; Emons, Barbara; Jendreyschak, Jasmin et al. (2013): Negative Emotionen und Verständnis – Zwangsmaßnahmen aus Patientensicht. In: Psychiatrische Praxis 40 (5), S. 278–284

Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz Baden-Würrtemberg (2014) http://www.landesrecht-bw.de/jportal/?quelle=jlink&query=PsychKG+BW&psml=bsbawueprod.psml&max=true&aiz=true (zuletzt abgerufen am 13.08.2020)

Steinert, Tilman; Hirsch, Sophie; Gerlinger, Gabriel (2019): Verhinderung von Zwang. Praxisversion der S3-Leitlinie. 1st ed. 2019

Wullschleger, Alexandre; Vandamme, Angelika; Ried, Jennifer; Pluta, Mara; Montag, Christiane; Mahler, Lieselotte (2019): Standardisierte Nachbesprechung von Zwangsmaßnahmen auf psychiatrischen Akutstationen: Ergebnisse einer Pilotstudie. In:Psychiatrische Praxis 46 (3), S. 128–134. 

ZfP Südwürrtemberg (2011) Leitlinie Zwangsmaßnahmen Erwachsenenpsychiatrie, Neufassung vom 04.11.2019

Autoren:

Ruben Giesin
Marisa Röhrer

 


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