20.05.2020 – Seit rund zwei Monaten ist der Begriff „Systemrelevanz“ omnipräsent – in den Medien, der Politik und auch bei uns Bürgern wird er geradezu inflationär benutzt. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Wort und was wird durch die Verwendung erzeugt? Eine kritische Auseinandersetzung.


Der Versuch einer Begriffsdefinition

Relevanz kann recht einfach vom lateinischen ‚relevare‘ (erneutes Hochheben) hergeleitet werden und wird vom Duden als Bedeutsamkeit, Wichtigkeit übersetzt.
Den Begriff System zu definieren, fällt da schon deutlich schwerer. Mit der differenzierten Beschreibung und Zuordnung eines Systems haben sich schon viele Personen und vor allem Geisteswissenschaften, wie die Psychologie, Philosophie oder Soziologie beschäftigt. Wichtige Vertreter der soziologischen Systemtheorien sind u.a. Parsons und Luhmann, die das System durch die ‚Gemeinschaft im Zusammenhang‘ beschreiben und durch vorgenommene Handlungen eine Abhängigkeit/Interdependenz voneinander bestimmen (Parsons). Luhmann erweitert diesen Ansatz und sagt, dass ein System nicht nur durch Handlungen, sondern auch durch Kommunikation zustande kommt.
In der Psychologie beschreibt man das System nicht nur auf sozialer Ebene, sondern eröffnet mehrere Ebenen und Zugangswege. Es wird häufig von der Kennzeichnung einer Entität, also einer Größe, Einheit oder dem reinen Dasein gesprochen.

Was bedeutet also Systemrelevanz?

Es gibt keine klare Definition, nicht die eine Übersetzung, da sich dem Begriff aus verschiedenen Perspektiven angenähert werden kann. Die Marktwirtschaft definiert ein System anders als ein Philosoph und auch die Relevanz, beruflich wie privat, wird von jedem Menschen unterschiedlich beschrieben.
Jedoch lässt sich grundlegend festhalten, dass mit ‚Systemrelevanz‘ bestimmten Gruppen eine hohe Bedeutung für ein bestimmtes System, in der aktuellen Corona-Situation die Gesellschaft und das zugrunde liegende politische Konstrukt, zugeschrieben wird.

Warum wird genau dieser Begriff verwendet? Und welchen Benefit hat er überhaupt?

Es ist schon länger ein zu beobachtendes Phänomen, dass sich in bestimmten Situationen und Diskursen auch die Sprache verändert, neue oder Fachbegriffe in dem Umlauf kommen. Bekannte Beispiele sind dafür z.B. der Hirntod oder die Widerspruchslösung in der Organspenden-Debatte, Herdenimmunität, Quarantäne oder eben auch Systemrelevanz in der Corona-Pandemie.

Seit Februar/März 2020 muss sich Deutschland mit einer vorher nie dagewesenen Situation befassen. Ein Virus, das einen großen Teil der natürlichen Infrastruktur im ganzen Land lahm legt – damit hat wohl keiner gerechnet. Und doch gibt es Personen, Berufe, Branchen, die in dieser Ausnahmesituation besonders hervorstechen. Der Begriff ‚Systemrelevanz‘ vermittelt nach außen hin eine eindeutige Botschaft – ihr seid für uns von unschätzbarem Wert! – und bleibt doch in seiner Definition unklar und nicht abzugrenzen.

Der Benefit durch die Verwendung und Etablierung eines solchen Begriffes kann vor allem darin gesehen werden, dass Professionen, die sonst wenig öffentliche Präsenz und allgemein wenig Anerkennung erhalten oder eine kleine Lobby haben, verstärkt Aufmerksamkeit bekommen – politisch wie gesellschaftlich. Es kommt zu einer deutlichen Aufwertung der Berufsbilder von bspw. VerkäuferInnen, KraftfahrerInnen, Pflegenden, Lehrenden und vielen weiteren, die die Versorgung in dieser Zeit sicherstellen.
Die Gesundheit und auch die Versorgung mit Lebensmitteln, Bildung und Erziehung werden gesellschaftlich hervorgehoben und in den Mittelpunkt des Systems gestellt.

Doch es stecken auch Gefahren in so einem kräftigen Begriff…

Nicht jeder ist glücklich mit solchen Formulierungen. Personen aus ’nicht-systemrelevanten‘ Gruppen und selbst Mitmenschen, die eigentlich der Systemrelevanz zugeschrieben werden, äußern sich kritisch – doch warum? Der gerade gelesene Satz deutet bereits an, dass durch die Verwendung eines solchen Begriffes eine gesellschaftliche Spaltung erzeugt werden kann. Bürger werden in ’systemrelevant‘ und ’nicht-systemrelevant‘ aufgeteilt – und das, obwohl weiterhin nicht geklärt ist, wer welcher Gruppe zuzuordnen ist. Denn wer bestimmt eigentlich, was wichtig und was weniger wichtiger ist? Warum müssen die Leistungen eines Künstlers mit denen einer Verkäuferin verglichen werden? Ist es so wichtig, dass hierarchisch über- und untergeordnet wird? Haben nicht alle Menschen einen berechtigten Platz nebeneinander?
Ein Ringen um Systemrelevanz, ein Sich-Profilieren-Müssen und ein Daseins-Berechtigung-Beweisen werden bedingt, unwissend der Konsequenzen.

Und nicht zuletzt können auch Assoziationen zum dritten Reich hergestellt werden, suggeriert doch ein solcher Begriff, dass das System im Zentrum steht, wider der Individual-Gesetzgebung in Deutschland. Die Nationalsozialisten prägten in ihrer Propaganda etwaige Phrasen wie z.B. „Du selbst bist nichts, das Volk ist alles“ und den damit verbundenen Lebensstil „Gemeinnutz vor Eigennutz“. Kann hier nicht auch eine Verbindung zur Systemrelevanz 2020 hergestellt werden?

Fazit

Besondere Zeiten bedingen oft eine neue Sprache. In der Corona-Pandemie werden viele Berufe als systemrelevant beschrieben, weil eben diese die Grundversorgung einer Gesellschaft sicherstellen – vermeintlich. Doch zum Leben braucht es nicht nur Essen und Trinken, Wissen und Gesundheitsversogung. Als hochentwickelte Spezies geht der Mensch weit über seine Grundbedürfnisse hinaus. Die erneute Reduzierung auf die Grundbedürfnisse ist ein Fehler, der ungeahnte Konsequenzen hervorrufen und die einzelnen Bürger subtil manipulieren kann. Besondere Sensibilität und eine stetige, kritische Reflexion müssen unbedingte Begleiter sein, wenn solche Begriffe eingeführt und so ausgeprägt verwendet werden.



Quellen:
[1] https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/system/15212, Zugriff am 20.05.2020, 12:30 Uhr
[2] https://www.vbw-bayern.de/vbw/ServiceCenter/Corona-Pandemie/Arbeitsrecht/Systemkritische-und-systemrelevante-Unternehmen.jsp, Zugriff am 20.05.2020, 12:20 Uhr
[3] https://www.zeit.de/kultur/2020-04/systemrelevanz-berufe-angst-freiheit, Zugriff am 20.05.2020, 12:15 Uhr
[4] https://www.heise.de/tp/features/Wer-oder-was-ist-systemrelevant-4705406.html, Zugriff am 20.05.2020, 12:17 Uhr
[5] https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-91454-1_7, Zugriff am 20.05.2020, 12:00 Uhr
[6] https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Soziologische-Systemtheorie-von-Niklas-Luhmann-ein-Ueberblick,luhmann132.html, Zugriff am 20.05.2020, 11:45 Uhr
[7] https://www.tagesschau.de/inland/corona-pandemie-glossar-101.html, Zugriff am 20.05.2020, 13:15 Uhr
[8] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/innenpolitik/volksgemeinschaft.html, Zugriff am 20.05.2020, 13:30 Uhr


Fritz Sterr

Vorstandsmitglied in der Initiative für akademisierte Pflege e.V.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.